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"Sind Sie ein Böser, Herr Boss?"

Ein Pensionierter im Unruhestand. Man wäre versucht, dieses Interview mit dieser Plattitüde zu beginnen, doch würde sie Christian Boss, dem Geschäftsführer der Pensionskasse der Reformierten Landeskirche Aargau, nicht gerecht. Im Gespräch erzählt er von Risiken und Chancen im Leben, im Sport und in der Branche.

Herr Boss, Sie arbeiten für die Kirche. Sind Sie trotzdem ein Böser?

Wieso trotzdem? In meinem Fall schliesst sich das ja nicht aus! Ein Böser, also ein Schwinger, war ich als junger Bursche. Ich wuchs im Berner Oberland auf, am Fusse des Brünigs. Mein Vater war Schwinger und gewann 89 Kränze. Auch ich habe einen Kranz gewonnen.

Nur einen?

Na ja, auch den muss man erst mal gewinnen. (lacht) Bei mir war bereits mit 17 Jahren Schluss mit aktivem Schwingsport. Ein Unfall hat meine Karriere früh beendet. Doch ehrlich gesagt, ob ich es mit meinen 171 Zentimetern so weit wie mein Vater gebracht hätte, wage ich stark zu bezweifeln.

Wie schaffen wir jetzt den Bogen zurück zur Pensionskasse der Aargauer Landeskirche?

Eigentlich recht einfach. Ich war 18 und schon lange verliebt in ein Mädchen – zu dieser Zeit ein Problem. Deshalb musste ich mit ihr, meiner heutigen Ehefrau Christina, in den Kanton Aargau ziehen, wo das Zusammenleben von nicht verheirateten Paaren erlaubt war. Das waren noch Zeiten! Ich war also noch keine 20 Jahre alt und wohnte in der kleinen Gemeinde Ammerswil bei Lenzburg. Dort bekam ich eine Anstellung bei der Einwohner- und Ortsbürgergemeinde. Damit ich überhaupt als Zivilstandsbeamter Paare trauen durfte, musste ich mündiggesprochen werden.

Und der Kirche sind Sie (seither) treu geblieben?

Als Christ ja. Als Arbeitnehmer war ich danach 20 Jahre in der Stadtverwaltung Rheinfelden und als Vizedirektor in einer Treuhandfirma. Heute bin ich Geschäftsführer der Pensionskasse der Reformierten Landeskirche Aargau.

Sie kennen also auch öffentliche Verwaltungen und Privatwirtschaft. Was ist anders in der Kirche?

Vieles ist anders, vieles auch gleich. Speziell ist die Verteilung der 550 Arbeitnehmenden auf 73 Kirchgemeinden. Speziell sind sicher auch die Berufe hinter den Zahlen: Pfarrer, Diakone, Sigristen, Katecheten … Doch jede Branche hat ihre Eigenheiten. Gleich ist, dass unsere Versicherten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind und die gleichen Bedürfnisse haben wie alle anderen auch: eine sichere Altersvorsorge, Rendite und so weiter.

Christian Boss

Eine Pensionskasse wie jede andere also.

So einfach ist es dann auch wieder nicht. Von innen wie aussen werden sicher ganz spezielle Anforderungen an die Ethik gestellt. So können wir vielversprechende, relativ rentable und sichere Anlagen oft nicht tätigen, weil sie unseren ethischen Ansprüchen nicht genügen.

Zum Beispiel?

Ich möchte nicht zu konkret werden. Aber Firmen oder Branchen, bei denen man von Kinderarbeit ausgehen muss, kommen bei uns sicher nicht infrage. Das ist im Moment ein grosses Thema. Aber auch das ändert sich ständig, so wie unsere Gesellschaft. Waren gewisse Titel früher gut und ethisch, weil schweizerisch, sind sie heute nicht mehr vertretbar, weil sie zum Beispiel in Wassergeschäfte in der Dritten Welt verwickelt sind. Wie gesagt, die Gesellschaft verändert sich und das ethische Bewusstsein mit ihr.

Das macht das Erreichen der Anlageziele nicht einfacher.

Nein, ganz und gar nicht. Wir verwalten zwar "nur" etwas über 200 Millionen und sind damit eine eher kleine Grösse auf dem Markt. Trotzdem empfinde ich die Ansprüche an uns doch als eher gehoben.

Stresst Sie diese zusätzliche Belastung?

Nein, gar nicht, ich bin das gewohnt. Ich stand mein ganzes Berufsleben unter Beobachtung oder habe beobachtet. Ich war lange unter Christian Gross Scout für den FC Basel, habe Fussballmannschaften trainiert. Daher bin ich diese Situation gewohnt. Sie spornt mich an, sie macht die Aufgabe interessant. Es ist nicht egal, was ich tue. Zudem tue ich ja auch nichts alleine, es ist wie im Sport – Teamwork eben.

Sie waren lange Sportreporter beim Schweizer Fernsehen, haben Eishockey, Fussball und natürlich Schwingen kommentiert. Hilft Ihnen die Erfahrung von Beobachtung und Kommentar auch bei der Anlagestrategie? Sehen Sie die Dinge schon früher kommen?

Schön wär’s! (lacht) Da habe ich meine eigenen Scouts. Zum Beispiel bei unseren Hausbanken, der Aargauer Kantonalbank und der Neuen Aargauer Bank. Meine Vertrauensleute. Die wissen mehr als wir, sind näher am Markt und kennen uns sehr gut. Die treffen eine gute Vorauswahl. Auch die Swisscanto Anlagestiftungen sind ein guter Partner – unser wichtigster überhaupt. In diesem Netzwerk versuchen wir, die Herausforderungen anzugehen, und das gelingt uns nicht schlecht.

Dann haben Sie also alles im Griff?

Wer hat das schon? Ein aktuelles Beispiel: Vor den US-Präsidentschaftswahlen hat sich die ganze Branche in grosser Sorge dem "Plan B" gewidmet, in der grossen Angst vor dem "Trump-Effekt". Gemeint war damit der als quasi sicher geltende Effekt, dass die Aktienmärkte bei einem – doch zwar eher unwahrscheinlichen – Wahlsieg Donald Trumps zusammenbrechen würden. Was ist passiert? Trump gewann die Wahl, woraufhin die Aktien stiegen. Wir müssen realistisch bleiben. Die Verwaltung der Pensionskasse und die Anlagestrategie bleiben ein langfristiges Geschäft, das sorgfältig und mit Konzentration auf viele Details betrieben werden muss. Grosse kurzfristige Erfolge sind da nicht anzustreben.

Christian Boss
Wie sieht die Zukunft aus?

Vielfältig, spannend … Ich bin gerade dabei, zusammen mit meiner Frau unser neuntes Buch mit dem Titel "Politiker und ihr anderes ICH" fertigzustellen. Gleichzeitig arbeiten wir an zwei weiteren Buchprojekten. So viel sei verraten: Es geht um Schwingerkönige und um ein Buch mit dem Titel "Der Doktor und der liebe Gott". Es bleibt also spannend!

 

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