«Bei der Vorsorge zählt der Solidaritätsgedanke.»

Stephan Wyss ist Gründungspartner der Prevanto AG. Die Entscheidung, das Unternehmen 2015 aus einem Management Buyout zu übernehmen, hat er bis heute nie bereut. Das rund 40-köpfige Team betreut zahlreiche Pensionskassen von Unternehmungen und der öffentlichen Hand. Wir haben mit Stephan Wyss über seine Erfahrungen als Unternehmer und den Bundesratsvorschlag für die Reform der beruflichen Vorsorge gesprochen.

Herr Wyss, Sie verfügen über eine langjährige Erfahrung im Schweizer Vorsorgemarkt. Wie sind Sie in die Vorsorgebranche gekommen?

Ich wollte ursprünglich Finanzchef eines KMU werden. Nach meinem Wirtschaftsstudium war ich zwei Jahre lang für die Kreditvergabe an grosse Schweizer Versicherungen bei einer Grossbank zuständig. Ich stellte fest, dass mir das Wissen der Passivseite für eine ganzheitliche Beratung fehlte. Um diese Lücke zu schliessen, entschloss ich mich, die Ausbildung zum Pensionsversicherungsexperten zu absolvieren. Der Wechsel in die Vorsorgebranche war deshalb ein logischer Schritt.

Und heute betreuen Sie als unabhängiger Unternehmer Vorsorgeeinrichtungen jeder Grösse. Eine grosse Verantwortung, die Sie tragen …

Auch wenn man mir das kaum glaubt: Ich habe persönlich keinen grossen Unterschied gespürt, als ich auf die Arbeitgeberseite wechselte. Klar, die finanzielle Verantwortung ist viel grösser. Aber ob als Angestellter oder als Partner, meine Arbeitsmotivation und mein Verantwortungsbewusstsein waren schon immer sehr hoch. Mit zwölf Jahren habe ich meinen Vater verloren und musste früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. So habe ich mit 13 Jahren zum ersten Mal die Steuererklärung für meine Familie ausgefüllt.

Ein solches Erlebnis prägt das ganze Leben. Wie überträgt sich das in Ihren Berufsalltag?

Ich fühle mich in hohem Masse für meine Kunden verantwortlich und ihre Sicherheit liegt mir am Herzen.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders Spass?

Ganz klar: Eine gute und überzeugende Präsentation für Kunden und Partner zu liefern. Im «People’s Business» zählt die Kraft der Argumente. Ebenso erfüllt es mich, meine Kunden bei wichtigen Entscheidungen zu unterstützen und die Umsetzung samt allfälligen Korrekturmassnahmen zu begleiten. Schliesslich bereitet mir der Umgang mit den Mitarbeitenden grosse Freude, denn ich lerne gerne von ihnen.

Gibt es auch Dinge, die Ihnen an der Unternehmerarbeit weniger gefallen?

Alles, wofür intern niemand explizit zuständig ist, landet heute auf meinem Tisch. Wie zum Beispiel heute, als die Klingel zu unseren Büroräumlichkeiten nicht funktionierte. (lacht) Scherz, das gehört natürlich auch dazu. Was mir eher Sorgen macht, ist einerseits der teilweise künstliche Zeitdruck, die Jahresabschlüsse der Vorsorgeunternehmen immer früher zu erstellen, fast wie bei einem börsenkotierten Unternehmen. Das führt zu einer hohen saisonalen Arbeitsauslastung. Und andererseits der starke Fokus auf die Verwaltungskosten, den ich nicht immer nachvollziehen kann. Schlussendlich zählen geldmässig für eine Vorsorgeeinrichtung die Netto-Performance auf dem Vermögen sowie die richtigen technischen Parameter.

Kommen wir auf die Reform der beruflichen Vorsorge zu sprechen: Hat die Vorlage Chancen durchzukommen?

Nein, meines Erachtens ist sie so, wie sie vorgesehen ist, bereits vom Tisch. Das Parlament wird die Vorlage kritisch beäugen. Es ist wichtig, dass wir nicht wieder von vorne beginnen müssen. Aber eine Umverteilung à la «Junge finanzieren Reich und Alt», das kann nicht sein.

Welche Vorschläge finden Sie besser?

Es gibt realistische Alternativen wie diejenige vom Schweizerischen Pensionskassenverband ASIP oder der «Allianz für eine mehrheitsfähige Rentenreform» – ein Zusammenschluss des schweizerischen Baumeisterverbandes, der Swiss Retail Federation und Arbeitgeber Banken. Die darin vorgestellten Lösungsansätze richten sich nicht an den Staat, sondern sind auf die Pensionskassen ausgerichtet. Das finde ich besser.

Nach Pensionsversicherungsexperte Stephan Wyss sollten die Pensionskassen dezentrale Lösungen finden.

Also lieber keine Reform als dieser Vorschlag?

Vielleicht ist die «Second best»-Lösung – nämlich alles so zu belassen – besser. Ich vertrete die Ansicht, dass die Pensionskassen das Problem dezentral lösen sollen und nicht via zentrales Umlageverfahren. Es kann nicht sein, dass die Versicherten von Pensionskassen, welche die Hausaufgaben gemacht haben, nun für die Versicherten von Pensionskassen bezahlen müssen, welche die Hausaufgaben nicht erledigt haben.

Welche Parameter würden Sie ändern?

Ich finde es richtig, den Umwandlungssatz und den Koordinationsabzug zu reduzieren. Zudem würde ich die Spargutschriften erhöhen. Alle Änderungen würde ich im Wissen vornehmen, dass sie eine Zwischenlösung darstellen. Wichtig sind auch verkraftbare kompensierende Massnahmen für die betroffene Übergangsgeneration, um die Renteneinbussen zu mildern.

Wie sieht für Sie eine Ideallösung der beruflichen Vorsorge aus?

Eine Vorsorge ohne Koordinationsabzug und mit defensiven Parametern, die nicht zu hohe Versprechungen macht, also Generationengerechtigkeit auch in der Regenzeit gewährleisten kann. Der Sparprozess müsste wie in der AHV bereits mit 18 Jahren beginnen. Selbstverständlich müsste auch das Rücktrittsalter an die Lebenserwartung gebunden werden. Generell würde eine Entpolitisierung der beruflichen Vorsorge guttun. Dadurch würde die Eigenverantwortung der Menschen gestärkt. Damit dies gelingen kann, wäre aber unbedingt bereits während der obligatorischen Schulzeit eine Grundausbildung in finanziellen Angelegenheiten einzubauen. Dieses Grundwissen sollte dann während der Berufsausbildung vertieft werden.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?

Ein seit 35 Jahren geltendes durch und durch politisches System kann man nicht so einfach umstellen. Es ist schwierig, vom kritisierten Zustand A zum besseren Zustand B zu kommen, ohne dass wir zu viele Verlierer auf der Leistungs- oder auf der Finanzierungsseite haben. Eine wie oben angetönte Kompromisslösung (Optimierung mehrerer Parameter) kann natürlich von allen Seiten kritisiert werden. Aber nur wenn der Stimmbürger einfach und transparent informiert wird, kann die überfällige Korrektur auch demokratiepolitisch gelingen. Als Optimist glaube ich fest daran, dass eine austarierte Kompromisslösung von einer Mehrheit getragen wird.

Stephan Wyss bespricht mit Sonja Spichtig den Bundesratsvorschlag für die Reform der beruflichen Vorsorge.

Was halten Sie übrigens von der freien Wahl der Pensionskasse?

Das wurde schon oft untersucht und das Fazit war immer wieder, dass es keine gute Lösung ist. Die Arbeitgeber würden das Interesse an einer guten Vorsorge verlieren. Und was noch wichtiger ist: Der grösste Teil des Vorsorgevermögens einer Privatperson wird bei der Pensionskasse angespart. Die Auswahl der falschen Pensionskasse hätte verheerende Konsequenzen für den Einzelnen. Aus meiner Sicht wirken beispielsweise die neuen 1e-Pläne mit den wählbaren Anlagestrategien entsolidarisierend. Überspitzt gesagt verabschiedet sich das Management mit den höheren Löhnen von der «normalen» Pensionskasse und entzieht damit «Haftungssubstrat», das solidarisch wichtig wäre für die Finanzierung der laufenden Rentenverpflichtungen.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Bei der Vorsorge zählt für mich nach wie vor der Solidaritätsgedanke. Man sollte im Kollektiv denken. Ich sehe einen Trend in Richtung Entsolidarisierung und Individualisierung und bin sehr skeptisch, ob dies gut ist. Der Sinn unseres Schweizer Vorsorgesystems besteht in erster Linie darin, eine genügende Rente zu entrichten und dass die Starken solidarisch für die Schwachen da sind.

Eine gute Botschaft. Es ist sehr spannend, mit Ihnen über die Vorsorge zu diskutieren. Engagieren Sie sich auch in Fachgremien?

(lacht) Heute wäre eine Sitzung vom Vorsorgeforum, die ich für dieses Interview abgesagt habe. Ich bin zudem Beirat der Schweizer Pensionskassenstudie von Swisscanto und verfasse regelmässig Beiträge für Zeitschriften im Namen der Prevanto AG. Ich wirke in der Prüfungskommission für Pensionsversicherungsexperten und bin Mitglied der Arbeitsgruppe IFRS der Schweizerischen Kammer der PK-Experten, in welcher ich acht Jahre lang im Vorstand tätig war. Als Unternehmer tausche ich mich täglich mit unterschiedlichsten Personen und Stiftungsräten aus und versuche natürlich auch so, etwas zu bewegen.

Stephan Wyss war acht Jahre lang im Vorstand der Arbeitsgruppe IFRS der Schweizerischen Kammer der PK-Experten.

Sie sind eine vielbeschäftigte Person! Was tun Sie für Ihre Work-Life-Balance?

In meiner Freizeit geniesse ich die gemeinsamen Momente mit meiner Familie und treibe Sport. Früher bin ich Bergmarathon gelaufen wie z.B. den Jungfrau-Marathon. Letztes Jahr habe ich seit Langem wieder einmal einen Halbmarathon absolviert und merken müssen, dass auch bei mir der Alterungsprozess eingesetzt hat (lacht). Sonst fahre ich gerne Tandem mit meiner Frau und versuche viel Zeit mit unseren zwei Söhnen zu verbringen. Der jüngere Sohn bedarf einer ständigen intensiven Pflege. Zum Glück hat meine Frau unsere Familienagenda hervorragend organisiert. Wann immer es die Zeit erlaubt, üben wir sportliche Aktivitäten gemeinsam aus, wie z.B. Skifahren im Winter, Velofahren und Segeln im Sommer. Daraus schöpfe ich die Energie für meine Arbeit.

Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Wyss.

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